J.Krane, Ein Besuch in Oslo zum 50. Geburtstag von ASF in Norwegen

Ein Besuch in Oslo zum 50. Geburtstag von ASF in Norwegen (Mai 2009)

Workshop und mehr:
Erinnerungsdiskurs und interkultureller Dialog
– kreative Annäherung an die Geschichtserzählungen

14. Mai 2009 im Holocaustzentrum Oslo

von Johannes Krane-Erdmann
(ASF-Freiwilliger in Norwegen, 1981-1983)

Veline Backofen (ASF-Länderbeauftragte in Norwegen) und Katusha Otter Nilsen vom Holocaust-Senteret begrüßten alle Teilnehmer/innen und stellten sowohl das Tagesprogramm als auch die For¬schungseinrichtung vor, die in der ehemaligen Villa von Vidkun Quisling (norwegischer NS-Führer) ihre Heimat gefunden hat.

Es waren Teilnehmer/innen aus Norwegen und Deutschland anwesend: Projektpartner, Zeitzeugen (ehemalige Häftlinge), die ASF-Vorsitzende, ASF-Geschäftsführer, weitere Mitarbeiter/innen des Berliner Büros sowie ehemalige Norwegen-Freiwillige aus vielen Generationen.

Die Aussicht auf den naheliegenden Oslo-Fjord hätte man durchaus genießen können, ... aber schnell wurde klar, hier sollte „gearbeitet“ werden.

Es gab einen klaren Auftrag:

6 deutsch-norwegische - altersgemischte - Arbeitsgruppen mit jeweils 4-5- Personen, wurden gebildet. „Amtssprache“ sollte an diesem Tag Englisch sein. Jeweils 3 Gruppen erhielten das gleiche Thema.

Thema 1:
„Create a mini-exhibition on the history of Germany 1933-45 as it in your view should be presented. Give your presentation a title. Take 4 pictures.“

Thema 2:
„Create a mini-exhibition on the history of the Holocaust and Norway as it in your view should be pre¬sented. Give your presentation a title. Take 4 pictures.“

Ausgestattet mit einem Stift, Papier und je einer digitalen Kamera (um 4 Fotos von der Ausstellung zu machen) sowie einem Zeitbudget von 1 Std. zogen die Gruppen los und besuchten die Ausstellungs¬räume und bemühten sich, die Aufgabe zu lösen.

Nach einer Lunchpause wurden in Beiträgen von jeweils 5-10 Minuten die Ergebnisse präsentiert. An¬schließend waren Fragen und Kommentare der anderen Teilnehmer/innen erwünscht.

Als Beispiel sollen die 4 Fotos „unserer“ Gruppe (Thema 2) in aller Kürze vorgestellt werden
Der Titel der Präsentation lautete: „I learned a lot that I did not know“:

Unser Foto 1 zeigt das Dampfschiff „SS Donau“ am Osloer Hafen (Luftlinie weniger als 1 Km vom Tagungsort entfernt). Dieses Schiff deportierte eine große Anzahl norwegischer Juden, die zu ca. 50 % ermordet wurden. Eine Frau überlebte, weil ihr norwegischer „Fahrer“ sie 5 Minuten zu spät zum Schiff brachte.

Auf unserem zweiten Foto sind norwegische Nationalsozialisten zu sehen, im Hintergrund hängt ein Bild Hitlers. Dieses Bild sollte exemplarisch auf die Mitwirkung der norwegischen Behörden und Ämter hinweisen. Bei einer großen Verhaftungsaktion (26.11.1942) waren z.B. 380 aktive Personen beteiligt, davon „lediglich“ 30 Deutsche von der Waffen-SS. Die anderen waren z.B. norwegische Po¬lizisten, Taxifahrer u.a.

Man erkennt auf Foto 3 das handgestickte Taschentuch einer norwegischen NS-Verfolgten, die auf dem Tuch die 13 Orte ihrer Gefangenschaft eingenäht hat (Gefängnis Cottbus, ...)

Foto 4 besteht aus einem abfotografierten Buchtitel eines staatlichen Forschungsberichtes (NOU = „Norges offentlige Utredninger“) zum Thema „Was passierte nach 1945?“. Das Foto weist auf die Entschädigungsproblematik hin und dass es die Opfer (insbesondere Juden) auch in Norwegen schwer hatten, ihre Rechte bzw. Besitztümer zurück zu erhalten / erstattet zu bekommen.

Die Ergebnisse aller 6 Gruppen waren sehr variantenreich und alle sehr spannend. Klar wurde, wie viele Facetten und unterschiedliche Herangehensweisen die Geschichte bietet.

Den Abschluss des Workshops bildeten zusammenfassende Bemerkungen von Christian Staffa, dem ASF Geschäftsführer.

Danach fand eine Führung von Frau Otter Nilsen durch die Ausstellung statt, bei der die Teilneh¬mer/innen ihre Eindrücke vertiefen und Fragen stellen konnten.

------------------------------------------------------------------

Neben dem Workshop habe ich die Tage in meiner „alten ASF-Projektstadt“ Oslo sehr genossen.

Bei der ASF-Festveranstaltung und beim ASF-Geburtstagsfest konnte ich nicht nur den norwegischen Verein der Freunde von ASF („asf-venner“ wie Frau Johansen oder Frau Vatnøy) sondern auch die „aktuelle“ Freiwilligengeneration erleben.

Es war mir eine besondere Ehre und Freude mit Norwegern wie Bernd Lund (Sachsenhausen-Überle¬bender) und anderen Zeitzeugen sowie norwegischen Projektpartnern (Willy Mo von der Stiftung „Weiße Busse nach Auschwitz“) zu sprechen und Gedanken zu Vergangenheit und Zukunft auszutau¬schen.

Immer in Erinnerung wird mir bleiben, wie der ehemalige Sachsenhausen-KZ-Häftling Bernd Lund sagte: „Ich war 3 Jahre im Konzentrationslager. Ich habe so viele gute Deutsche kennen gelernt. Ich bin Deutschland-Fan!“ Dieser „alte weise“ Mann aus Norwegen ist nicht verbittert, er geht in norwegi¬sche Schulen und berichtet als Zeuge seiner Zeit vom Nationalsozialismus. Und er begleitet auf Klas¬sen- und Studienfahrten der Stiftung „Hvite busser til Auschwitz“ norwegische Reisegruppen nach Auschwitz.

Es war auch schön, viele ehemalige Freiwillige getroffen zu haben, die ich teilweise viele Jahre nicht gesehen hatte.

Ich nutzte außerdem die Gelegenheit, am Sabbat-Gottesdienst der Osloer Synagoge teilzunehmen. Ich konnte zu meiner Freude feststellen (anders als bei meinem letzten Besuch im Jahr 1989), dass es 20 Jahre später viel mehr junge Gemeindemitglieder gibt und ich fand es eindrucksvoll, wie die Kinder Leben in die Synagoge brachten.

Bei einer mehrstündigen Wanderung mit einem anderen ehemaligen Freiwilligen, der in Norwegen geblieben ist, genoss ich die norwegische Natur der Osloer Nordmarka.

Die Norweger feierten am Tag meiner Abreise (17. Mai) ihren Nationalfeiertag. Einige feierten zu¬sätzlich noch den Sieg Aleksander Rybakks beim Schlager-Grand-Prix.

Bei strahlend blauem Himmel verließ ich mit dem Flugzeug Norwegen.

Mit im Gepäck waren:

-    ein Stück norwegischer „brunost“-Ziegenkäse,
-    neue Erkenntnisse zur Geschichte „unserer beider Länder“,
-    viele emotionale Eindrücke von deutsch-norwegischen und christlich-jüdischen Begegnungen,
-    die Erinnerung, viele Freunde getroffen zu haben
-    einige Einladungen von Freunden in Norwegen an mich und meine Familie, sie zu besuchen (vom Süden bis ganz in den hohen Norden),
-    Gedanken an Begegnungen und Gespräche mit überlebenden Zeitzeugen und
-    die Gewissheit, dass immer noch junge Menschen mit ASF (Deutsche in Norwegen und - im bila¬teralen Programm - auch Norweger/innen in Deutschland) auf dem Hintergrund einer trau¬rigen Geschichte für den Frieden in Gegenwart und Zukunft praktisch tätig sind.

Der „braune“ Ziegenkäse wird bald weg sein, alles andere bleibt!

 Johannes Krane-Erdmann

Johannes Krane-Erdmann
Lehrer für Sonderpädagogik in einer integrierten Klasse in Köln,
Wohnort: Erftstadt
ASF-Freiwilliger beim Norwegischen Behindertenverband in Oslo, 1981-83